Künstler als Vorbild

- als Konzept noch zeitgemäß?

Madonna, Shakira, Spongebob Schwammkopf, Pokemon sind doch angesagt oder sind die etwa auch schon wieder überholt?

Schnelligkeit und Wandel sind heute Kennzeichen für die Lebenswelt der Kinder, während traditionelle Lebenswelten verloren gehen. Die massenmediale Kommunikation ist ein wichtiger Teil ihrer Sozialisation, in der vorgeprägte Aneignungsmuster Sinn und Bedeutung bestimmen. Selbsttätiges Aneignen wird tendenziell verdrängt durch Inhalte der Konsum- und Medienkultur. Der soziologische Diskurs ist oft geprägt von einem eher pessimistischen Blick auf Kindheit im industriellen Zeitalter. Mutet es da nicht anachronistisch an, wenn Kindern Künstler als „Vorbilder“ präsentiert werden, von denen die wenigsten noch unter den Lebenden weilen?

 

Der “soziologische“ Blick auf Kindheit ist notwendig, um pädagogisches Handeln zu begründen. Die nachdenklichen Fragen, zu denen er Anlass gibt, müssen gestellt werden, er muss jedoch durch den Blick auf die lebendige Praxis ergänzt werden.

Wenn man die künstlerische Arbeit mit Kindern im Spielhaus der Stuttgarter Jugendhaus gGmbH kennt und betrachtet, wie sie sich in den vergangenen über drei Jahrzehnten entwickelt und verändert hat, dann fällt eines ganz besonders auf:

Die Kinder mögen sich verändert haben in Sprache, Herkunft, Umgangsformen usw., was sich jedoch erhalten hat, ist die Begeisterungsfähigkeit, mit der sich Kinder einer Sache widmen können. Zu erleben, wie Kinder ganz in einer Tätigkeit aufgehen können, sich in der Auseinandersetzung mit einem Objekt in Hinblick auf Ausdauer, Kritik- und

manuelle Fähigkeiten weiterentwickeln, lässt Erwachsene, gerade auch Pädagogen, immer wieder erstaunen. Ohne intensive persönliche Beziehung zu den Kindern, ohne einfühlende Begleitung des kindlichen Tuns allerdings, würde das sicher nicht in diesem Maße funktionieren.

Vermutlich hängt es mit der besonderen Atmosphäre des Spielhauses zusammen, dass sich Kinder hier von der künstlerischen Arbeit so begeistern lassen. Es ist nicht das Programmangebot, nicht das Produkt allein, es ist die Wertschätzung, die hier den Kindern und ihren Eigenarten grundsätzlich entgegengebracht wird und es ist die Begeisterung selbst, welche die Pädagogen für ihre Arbeit empfinden. Das steckt einfach an, das reißt die Kinder mit, wenn sie erleben, wie sich die “Großen“ selbst freuen und begeistern können.

Gerade in der Auseinandersetzung mit Künstlern sind Beziehung und Atmosphäre die Voraussetzung zum kreativen Handeln, oder von einem anderen Blickwinkel aus betrachtet „das Handwerkszeug“, ohne das pädagogische Arbeit in einer schnelllebigen Zeit nicht „nachhaltig“ erfolgreich sein kann.

Kinder brauchen in einer Welt, die durch immer schnelleren Wandel gekennzeichnet ist, mehr denn je Zeitfenster, kreativitätsfördernde Anregungen, engagierte Ansprechpartner und einen verlässlichen Rahmen: in der künstlerischen Arbeit des Spielhauses finden sie dies in ganz besonderem Maße.

 

Gunther Zeller

 

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